DAS WALDVIERTEL

 

Noch ist das Waldviertel ein vergessenes Land. Fern vom Großstadtlärm und Massenbetrieb, von hektischer Übereile und aufdringlicher Reklame hat es die alte Größe und Stille bewahrt. Es ist urtümlich geblieben wie kein anderes Gebiet in Niederösterreich. Daraus kann der suchende Mensch von heute ungeahnten inneren Gewinn, Ruhe und Erholung schöpfen. Dieser Mensch sollte das Waldviertel entdecken.

In vieler Hinsicht ist dieses Land arg benachteiligt. Das Klima ist herb wie im böhmisch-mährischen Bergland. Wer vom feucht-warmen Wiener Becken aus nordwärts fährt, empfindet deutlich die einzelnen Klimaschwellen: eine erste schon bei Großweikersdorf, eine zweite am Manhartsberg bei Maissau, eine dritte hinter Brunn an der Wild, eine vierte bei Waidhofen an der Thaya. In der Vegetation, im späten Aufknospen und auch in der Verspätung der Baumblüte, wird das deutlich. Wer aus der Wachau eine der steil gewundenen Straßen nordwärts hinauffährt, kommt unglaublich rasch in eine andere Klimazone; wenn in Weißenkirchen die Marillen schon verblüht sind, tragen die Bäume in St. Johann noch keine Knospen. Pöggstall wird hingegen auch ,,Meran des Waldviertels" genannt; diesen Beinamen versteht, wer von hier aus sieben Kilometer nordwärts nach Martinsberg fährt. Überraschend ist daneben die Niederschlagsarmut des Waldviertels: hier herrscht ein kühles, trockenes, überaus gesundes Klima.

Die Vegetation des Gebietes ist eigenartig. Sie ist nicht freigiebig an Wachstum; Obst gedeiht nur wenig, der Wein nur mehr im unteren Kamptal. Auf der Geländestufe von Göpfritz, in der Wild, bei Gföhl und Ottenschlag (alle über 550 m Seehöhe) stehen erste Birken zu stimmungsvollen Gruppen beisammen, Heidekraut ist charakteristisch. Weit aber erstreckt sich der Wald - überwiegend Nadelwald, der dem Viertel ober dem Manhartsberge den Namen gegeben hat.

Nordwald oder silva nortica heißt das Gebiet schon seit dem 11. Jh. Dieser Wald gibt der Landschaft das Profil. Er ist sehr verschiedenartig. Der Weinsberger Forst steht weit und dicht zusammenhängend, kaum haben sich Besiedlungen in ihn vorgewagt. Bei Zwettl steht der Wald in mächtigen Blöcken beisammen; dicht geschlossen, kompakt und abwehrend finster, dazwischen dehnen sich die straff gespannten, offenen Wiesenlinien, gegen Westen hin anmutig wellige Bergkonturen. Zwischen Gmünd, Waidhofen und Litschau sind die zwischen den größeren Waldblöcken flacher gestreckten Wiesen häufig von einem jener vielen kleinen Seen gefüllt, die dem Lande einen eigenen Reiz verleihen. Einen heiteren Charakter haben die in den letzten Jahren zu technischem Nutzen künstlich angelegten, großen, und infolge der Bodenformation romantisch-vielgestaltigen Stauseen am oberen Kamp; sie sind das beliebte Ziel zahlreicher Erholungsuchender geworden. Unweit nördlich davon aber liegt die seinerzeit von Menschenhand gespenstisch verwüstete Öde des Truppenübungsplatzes Döllersheim. Hier sind sogar die Ruinen einst blühender Dörfer kaum mehr zu finden, die Natur hat jahrhundertealte Spuren des Menschen in wenigen Jahren wieder mit ihrem Gestrüpp überwuchert.

In das Pflanzenwachstum bricht der Waldviertler Granit ein, der in monumentalen flachen Kuppen aus dem Acker oder aus dem Waldboden drängt oder in rundlich abgeschliffenen Riesenknollen auf der Erde liegt; oft mitten im Acker, so daß der Bauer seinen Pflug mühsam herumführen muß. Oder auch mitten im Walde, wo den Stein ein düsterer Baumbewuchs bizarr bekrönt. Diese Landschaft ist sonderbar, manchmal unheimlich, jedenfalls aber märchenhaft; eine echte Sagenlandschaft; im Winter düster drohend, voll Spuk und Geraune, im Sommer kulissenhaft auf-gelockert und lieblich gruppiert.

Immer aber ist dieses Land still und einsam. Wie nirgends sonst können dort Sagen entstehen, dort glaubt man an sie. Viele dieser Sagen sind uralt, viele knüpfen an uralte Dinge, deren es hier noch allerlei gibt. Im Lande ragen über 300 Schlösser, Burgen und Ruinen, um sie alle kreist die Phantasie; manche Ruinenreste liegen in finsterem Dickicht wie Knochen eines Riesen, den der Nordwald verzehrt hat.

Gegen den heidnischen Kult hat die Christianisierung den Glauben gebracht. An ihn hat sich der Mensch immer gehalten, dem sein Acker wenig Früchte, die Sonne wenig Wärme, der Wald aber viel reißendes Raubtier beschert hat. Dieser Glaube war allzeit schlicht, Sophisten waren nie gefragt. Die Vorstellungen blieben lange noch mit ,,vorchristlichen" Elementen durchsetzt; der Nordwald hat das Magische, das den Aberglauben nährt, immer lebendig erhalten. Gegen Blitz und Hagel galten die geschnitzten Roßgoschen und Katzenschädel am Dachfirst ebenso viel wie ein Gebet

Die Babenberger besaßen die Mark im Jahre 985 bis zum Wienerwald, bis 1000 gelangten sie nach Osten weiter über diesen hinweg in das Marchfeld. Dann drangen sie nordwärts in das Weinviertel; um 1130 reichte ihr Besitz einerseits bis an die Alpen, anderseits in das untere Waldviertel, welches 1156 insgesamt mit der Ostmark vereinigt wurde. Damit aber wurde das Waldviertel zum schicksalhaften Grenzland gegen Böhmen und Mähren. Ebenso wie im Osten stand auch hier fast immer ein Feind, doch war die Nordgrenze wesentlich mehr gefährdet Die Ostgrenze war stärker besiedelt, wirtschaftlich ungleich bedeutungsvoller, Alpenostrand war gut befestigt. Das Waldviertel hingegen war schwach besiedelt wirtschaftlich wenig ertragreich und wegen seiner vielgliedrigen, unübersichtlichen Geländeformen überaus schwer zu befestigen. Trotz des Schutzgürtels, den Thayaburgen seit dem 11. Jahrhundert bildeten, bekam das Land diese Nachtteile geradezu pausenlos zu fühlen. Selten berichtet die Geschichte eines Streifen Landes von so vielen Schmerzen, von qualvoller Ruhelosigkeit und ungerechter Bedrängnis wie die des Waldviertels. Es war für Freund und Feind ein Durchzugsgebiet an welchem man sich gütlich tun oder schadlos halten konnte. Wer von gewonnener Schlacht kam, plünderte, raubte und brandschatzte hier ebenso wie Unterlegener auf dem Rückzug, und auch die kaiserlichen Truppen hielten es hier nicht anders als die Böhmen, Schweden, Bayern, Franzosen und Russen. Hungersnöte, Bettelarmut, Feuersbrünste und Pestseuchen ohne Zahl, sogar Heuschreckenschwärme und Meteoritenfälle suchten das Land heim, Not und Armut waren im Nordwald immer zu Hause.

Das Waldviertel war niemals ein Land des Gesanges oder des Tanzes, der Mensch war hier kaum musisch begabt. Das Klima, die Bodenbeschaffenheit, die ständige Bedrängnis ließen den Waldviertler zwar überaus arbeitsam, jedoch eher karg und sparsam in seinen Äußerungen werden, zurückhaltender und scheuer als in der angrenzenden Wachau oder im anschließenden Weinviertel. Jede Art von Kunst wäre hier in bescheidenen Maßen geblieben, wenn nicht Künstler von weither die sakralen oder feudalen Zentren, an Klöster und Stifte, Burgen und Schlösser berufen worden wären. Eine schlichte Volkskultur hat es im Waldviertel immer gegeben, aber sie war an großen Talenten nicht eben gesegnet. Traditionen blieben hier lange bestehen, an Hergebrachtem wurde bisher immer beharrlich festgehalten.

Dieses Land wird von relativ noch wenig frequentierten Straßen durchzogen, zum Teil sogar seit dem 12. Jahrhundert den gleichen Verlauf nehmen. Es sind im großen besehen, heute keine Durchzugsstraßen, denn fast alle enden sie derzeit an einer dicht verschlossenen Grenze, wo Schlagbäume, zerstörte Brücken, Stacheldrahtzäune, Wachttürme und Warnschilder der diesseitigen Hemisphäre ein Ende setzen. Das Waldviertel liegt abermals hart an einer kritischen Grenze. Es bleibt ein peripheres Land, voll Stille, Zurückhaltung, Scheu, aber hohem inneren Stolz das Land des Nordwaldes.

(Aus dem Buch "Das Waldviertel"; herausgegeben von Franz Eppel - 1969)

Winter Privat